Glück das eigentliche Problem?

Nehmen wir einmal an, dass tatsächlich die liberale Orientierung am Glück das eigentliche Problem ist. Wäre dann nicht ein Gutteil der falschen Weichenstellungen (post)moderner Politik auf eine trügerische Gewichtung im Konzert der Emotionen zurückzuführen, auf eine Weichenstellung, die spätestens um 1800 mit der ersten Welle des Utilitarismus in die Welt kam? – Aber was hätte man stattdessen denn als säkulares Ziel, als postreligiösen Sinn des Lebens ausrufen sollen? Was wäre denn überzeugender als das Glück der Einzelnen wie auch der Vielen? – Nun, vielleicht die Freude? Oder gar: der Enthusiasmus? Beide Begriffe sind intrinsischer mit intellektueller und ästhetischer Aktivität verbunden als das pure, allzu pure Glück. Diesem haftet auch immer etwas Statisches und damit Langweiliges an, etwas das sich erschöpft und dann mit umso höherem Aufwand erneuert werden muss. Schopenhauer hat zurecht mit dem Glück abgerechnet; er war darin Nietzsche vorausgegangen, denn beider Ziel waren letztlich „die Engländer“, sprich: die Utilitaristen. Doch Nietzsche hatte Recht, Schopenhauer eine mangelnde Begrifflichkeit für das wahrhaft Belebende vorzuwerfen; immerhin hat auch er, Nietzsche, um diese Begriffe sein Leben lang gerungen (und sich dabei verzehrt; mit den „Freudenschaften“ kam er dem Ziel wahrscheinlich am nächsten). – Im Regime des Neoliberalismus (und damit der Immunologie in meinem genealogischen Modell) wurde die Glücksorientierung in den letzten 10-15 Jahren mit dem vermeintlichen harmlosen Wellness-Begriff garniert, um nicht zu sagen: getarnt. Hierin ein Symptom, wenn nicht gar ein Syndrom, in jedem Fall aber eine Krankheit entdeckt zu haben, ist das Verdienst von Carl Cederström und André Spicer; das Pathologische ist der mit dem Wellnessbegriff implantierte Glaube an eine technisch-virtuos herstellbare Positivität, und zwar ganz im Sinn der positiven Psychologie. Das einzig Positive, nämlich „Gebende“ (was einem etwas gibt) ist aber nicht das, was schlicht und einfach anwesend ist; und auch nicht (so verführerisch es wäre) das, was abwesend ist; sondern dasjenige, was in seiner Abwesenheit anwesend ist oder umgekehrt in seiner Anwesenheit abwesend ist, was anders gesagt von spektraler und paradoxaler Natur ist (Derrida war hier von erstaunlicher Klarheit). Und deshalb ist es viel realistischer (und damit weniger pathogen), den Enthusiasmus als Ziel, als Gegenstand der Sorge aufzustellen; denn was wäre spektraler als die Gegenwart einer Gottheit in einer säkularen Weltsicht?

Literatur: Carl Cederström, André Spicer: Das Wellness-Syndrom. Die Glücksdoktrin und der perfekte Mensch, Edition Tiamat 2016